Hau bloß App! Gedanken über den Umgang des öffentlich rechtlichen Rundfunks mit Jugendlichen
Ein bewusst eher plakativer Beitrag zum Thema "öffentlich-rechtlicher Umgang mit Jugendlichen", den ich ungefähr so wie er hier steht vor "politischen Vertretern" (Bekanntenkreis der Familie) bei einem eher inoffiziellen Treffen vortragen durfte/wollte/konnte. Der Text muss ja nicht auf meinem PC versauern. Wundert euch also nicht über die Sprache an der einen oder anderen Stelle, die Zuhörer waren alle NOCH ÄLTER als ich! Und zwar wesentlich :-) Es ging hier weniger um BISS.FM als um die Frage, was der öffentlich rechtliche Rundfunk denn für die Zielgruppe der 13-17jährigen tut, insbesondere im TV.
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Sehr geehrte Damen und Herren,
es war auch 1987, also als ich 14 war, nicht entspannend, Jugendlicher zu sein. Pickel waren nicht wirklich seltener als heute und die Annahme „ohne Markenjeans keine Chance bei den Mädchen“ galt genauso wie heute. Und die Alten haben damals genauso über die Jugend geschimpft wie heute und bei den alten Wikingern.
Nur wurde das Gezeter gegen „die Jugend“ im Lauf der letzten Jahre durch wahre Hetzkampagnen der Medien derart aufgeputscht, dass man als unbeteiligter Kinderloser zwangsläufig fürchten muss, es gäbe nur noch hyperaktive, ausländische oder faschistoide, spielsüchtige Säufer: Brutal, respektlos und ohne jeden Glauben an eine Zukunft.
Dabei sind es doch gerade die Medien, die die 13 – 17jährigen alleine lassen mit einer Monokultur aus Kommerz und - Entschuldigung - Quatsch. Und insbesondere die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten beschuldige ich in diesem Zusammenhang der fahrlässigen Unterlassung jugendgerechter Angebote.
Denn während Kindern bis 13 Jahren in den Medien ungefähr fast so viel Beachtung geschenkt wird wie erwachsenen Volksmusik- und Karnevalfans, wird der Pubertierende in eine mediale Zwangsjacke der privatwirtschaftlichen Dummheit gesteckt, die unser Land eindeutig nicht als die Bildungsnation präsentiert, die wir uns nach wie vor herbeireden. Das gilt insbesondere für TV.
Kindern wird mit dem Kinderkanal (Kika) ein eigener öffentlich-rechtlicher TV-Kanal geboten. Dieser bietet größtenteils wirklich sehr gut gemachtes, kindgerechtes Fernsehen. Dazu kommen am Wochenende Kinderfilme und –sendungen in den Hauptprogrammen und in den Dritten, vom Sandmann bis zur Sendung mit der Maus.
Komischerweise erwarten all die Bildungsweisen bei ARD und ZDF offenbar, dass sie damit bis zum 12. Lebensjahr Tagesschaugucker und Spiegelabonnenten herangezüchtet haben, denn danach kommt: Nichts! Absolut gar nichts. Jedenfalls nichts altersgerechtes. Wer vier Jahre lang LOGO gesehen hat, also die Nachrichtensendung des Kinderkanals, der ist reif für die Tagesschau? Ich bezweifle das! Stattdessen wird der Jugendliche zwangsläufig ins Reich der privaten Sender und einem Mix aus „Deutschland sucht den nächsten Trottel“ und Werbung gedrängt. Weder auf ARD oder ZDF noch den vielen Ablegern findet sich ein Sender, der sich konsequent zur Aufgabe macht, Jugendliche mit anspuchsvollen Inhalten zu versorgen.
Die wollen es doch nicht anders, hör ich es rufen? Hat das denn irgendjemand je versucht, herauszufinden? Gilt das wirklich für alle?
Es gibt so unendlich viele Sorgen und Nöte unter Jugendlichen: Sexualität, Berufsauswahl und Karrierechancen, Ausländerfeindlichkeit, Gruppenzwänge, Alkohol und Drogen, schulischer Druck und Probleme im Elternhaus, Handy-Schulden, Existenzängste, Hartz4, Bundeswehr, Cybermobbing, politische Unsicherheit.
Überall in der Welt sind diese Probleme im Grunde gleich! Und nicht zuletzt deshalb gibt es so viele tolle Spielfilme, Fernsehfilme und Dokumentationen darüber, die nicht nur aufklären sondern auch und vor allem das Gefühl vermitteln, nicht alleine zu sein mit seinen Problemen. Aber kein deutscher TV Sender zeigt diese. Im Gegenteil lernen wir dank ewig grinsender und lästernder Moderatoren Charakteeigenschaften wie Diskreditierung Unterlegener als Standard einzuschätzen. Statt Identifikationsfiguren für diejenigen anzubieten, die sich nicht stark und selbstsicher fühlen, lernen wir, dass man als „Loser“ ohne Talent als Fußballer, Musiker oder Model stets damit rechnen muss, öffentlich zur Schau gestellt zu werden.
Machen Computerspiele einsam? Oder spielen Einsame viel am Computer?
Sie denken, Computerspiele machen einsam und aggressiv? Ist es nicht viel eher so, dass Einsamkeit zum Spielen am Computer reizt und jegliche Alternativen fehlen? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß Einsamkeit und Leere Auslöser sind fürs Zocken (bei den einen) oder für Frust und Aggression (bei den anderen), als dass das Zocken selbst Auslöser für Gewaltphantasien oder sogar -taten ist? Kann es sein, daß derzeit die TV Anstalten eine Politk fahren, nach der man Jugendliche permanent als Spielsüchtig zeigt, ihnen aberselbst keine innovativen, interessanten und inhaltlich spannenden Angebote liefert?
Es ist doch interessant: Reden wir über den Alkoholmissbrauch Erwachsener, so reden wir meist davon, dass fehlende Beschäftigung (sprich Arbeitslosigkeit) der Grund dafür ist und nicht, dass die Mehrheit ihren Job durch den Alkoholismus verliert, dessen Ursache in der Werbung zu suchen sei. Bei Jugendlichen dagegen sprechen wir davon, dass die Werbung schuld ist am Alkoholmißbrauch, reden über entsprechende Verbote und hoffen, dass es davon alleine besser wird. Kann es nicht sein, dass die Ursachen die gleichen sind? Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden? Nicht ernst genommen zu werden? Welcher heute 14jährige soll allen ernstes als Erwachsender noch den Sinn gebührenfinanzierten Fernsehens verstehen, wenn er von diesen als Jugendlicher nichts geboten bekommen hat? Weder im Fernsehen, noch im Radio.
Dort, also im Radio, zeigt sich das Dilemma bei uns in Sachsen von der allerschlimmsten Seite. Der öffentlich rechtliche Sender für junge Leute hier nennt sich JUMP uns ist tatsächlich oftmals selbst von ausgewiesenen Medienprofis an der Klangfarbe nicht als öffentlich rechtlicher Sender zu identifizieren. Das wäre soweit nicht so schlimm, würde das gleichzeitig immer noch betriebene Jugendformat SPUTNIK mit wirklich anspruchsvollen Themen und einer fast fünfmal so großen Musikauswahl auch über UKW ausgestrahlt werden. SPUTNIK allerdings ist in Sachsen nur via Internet zu empfangen, wo nicht wenige politische Vertreter dieses Landes auch die freien Radios gerne sehen würden.
Was für eine schizophrene Argumentation ist das nur, in der das Internet immer dann als Allheilmittel herhalten muss, wenn es gerade besser passt („Wozu denn Sputnik auf UKW? Die Jugendlichen sind doch eh die ganze Zeit nur im Netz!“), aber gleichzeitig verteufelt wird, wenn es um die Themen Gaming, Cybermobbing oder schulische Recherchen geht („Die Jugendlichen wissen doch gar nicht mehr, wie man ein Buch liest“).
Auch hier das Totschlagargument Nr. 1: Die wollen es doch gar nicht anders. Wie aber erklärt es sich dann, dass der öffentlich rechtliche Sender Fritz das erfolgreichste junge Programm in Berlin und Brandenburg ist und nicht seine vielfältigen privaten Konkurrenten?
Ich würde mir wünschen, wir würden in Zukunft wieder seltener darüber streiten, ob die öffentlich rechtlichen Sender iPhone-Apps produzieren dürfen (bei einer Verbreitung des iPhones von unter 5%) sondern häufiger über Inhalte.
Ich wünsche mir einen öffentlich rechtlichen Jugend-TV-Sender, der deutschlandweit zu empfangen ist, werbefrei anspruchsvolle Inhalte für Jugendliche bietet und im besten Fall eine (redaktionell betreute) Brücke schlägt zwischen realem Leben und Internet. Der Jugendliche an die Hand nimmt und ihnen Lebenswege aufzeigt, die auch ohne das Erreichen von Ruhm und Ehre Erfüllung finden.
Ich wünsche mir ein flächendeckendes Netz öffentlich rechtlicher Jugendradios, die an diese Dachmarke angebunden sind und dieses Format im regionalen weiterführen (ähnlich wie Radio Fritz in Berlin/Brandenburg oder auch Sputnik im mitteldeutschen Internet).
Ich wünsche mir Radiosender, die sich wieder als Entdecker neuer Musik sehen und nicht als Verwerter dessen, was Castingshows im TV zu Ruhm gebracht haben. In einer Schulklasse sitzen 20 Jugendliche und meiner Erfahrung nach somit mindestens 10 verschiedene Musikgeschmäcker. Wieso also erlaubt sich dann selbst das öffentlich rechtliche Radioprogramm, sich aus diesen Musikrichtungen nur die zwei heraus zu picken, die die meisten Fans hat?
Wir reden vom Wandel zur Wissensgesellschaft, von der Entwicklung von Industrie zu Kreativwirtschaft. Wäre es da nicht gut, wenn gerade der öffentlich rechtliche Rundfunk seinen Teil dazu beitragen würde, dass insbesondere die junge Kreativwirtschaft (Film, Musik, Literatur) eine Plattform erhält? Und erst recht eine Plattform, die unsere Jugend darauf vorbereitet? Eine öffentlich rechtliche Plattform, die sich ihrer Aufgabe im Bereich der (vor allem übrigens politischen) Bildung bewusst wird?
Ich finde: Ja! Mehr jedenfalls, als daß wir Erwachsenen einen Anspruch auf Karneval, Nationalmannschaft oder Marienhof im Fernsehen haben. Wir könnten für diese Inhalte einzeln zahlen, wir wären in der Lage, selbst zwischen Werbefinanzierung, Gebührenzahlung oder on demand Bezahlung zu wählen...Der 15jährige kann das nicht und der ist in der Phase seines Lebens, in der er am meisten beeinflussbar ist, sowohl politisch als auch im Hinblick auf Freizeitgestaltung und Konsumverhalten.
