Vielleicht habt Ihr es bei
uns oder
woanders bereits gelesen oder am eigenen Ohr erfahren: Derzeit gibt es massive, von oben diktierte Umbrüche bei MDR SPUTNIK, die wirklich Besorgnis erregend sind.
In kleinem Kreis haben sich daher einige Mitstreiter von BISS.FM entschieden, einen offenen Brief an den
MDR Rundfunkrat zu senden, der z.B. die Einhaltung des im Staatsvertrag festgelegten Programmauftrages überwacht und den Intendanten sowie die Direktoren wählt (letzteres zum nächsten Mal im September). Insbesondere im Hinblick auf die anstehenden Wahlen möchten wir die Mitglieder des Rundfunkrats auf einige Punkte aufmerksam machen, die vielleicht so sonst nicht zur Sprache kommen, vor allem aus Sicht der Musikbranche, die ja leider in Mitteldeutschland ohnehin keine allzu große Lobby hat.
Der Brief geht Anfang kommender Woche per Post an den Rundfunkrat, wer unterzeichnen möchte schreibe dies in den Kommentaren oder per e-Mail an
info@biss.fm
Denkanstoss vor Direktorenwahl – SPUTNIK muss besonders bleiben!
Sehr geehrte Rundfunkräte des MDR,
wenn Ihnen der Schuldirektor eines Gymnasiums erzählte, dass er an seiner Schule Aufsätze und Algebra aus dem Unterrichtsstoff verbannt habe, weil die Mehrheit seiner Schüler in einer Umfrage sich für mehr Sport und Musik ausgesprochen hätten, würden Sie diesem Mann bescheinigen, sein Amt mit dem nötigen Ernst auszufüllen?
Wie würden Sie reagieren, wenn die Sächsische Staatsoper in Dresden keine Klassiker mehr aufführen würde, sondern nur noch Arien aus Walt Disney Verfilmungen, nur weil eine Umfrage so mehr Besucher prognostizierte?
In beiden Fällen wären Sie – so hoffen wir - entsetzt und würden den gesellschaftlichen Auftrag dieser Häuser in Ihrer Kritik herausstellen.
Diesen gesellschaftlichen (und politischen) Auftrag hat auch der MDR! Und daher beobachten wir mit Sorge die aktuellen Entwicklungen bei MDR SPUTNIK.
Darf MDR SPUTNIK zu einer belanglosen Popwelle werden?
Unserer Meinung nach passiert bei MDR SPUTNIK gerade genau das, was an einer Schule nie passieren dürfte und könnte: Das geistige und kulturelle Niveau eines der aus medienpädagogischer und kulturwirtschaftlicher Sicht besten deutschen Jugendradios wird aufgrund von Umfragen beschnitten, deren Wert für wirkliche journalistische Arbeit deutlich hinterfragt werden muss!
Diese Beschneidung enttäuscht nicht nur jeden aufgeschlossenen, neugierigen, weltoffenen und intelligenten Jugendlichen im Sendegebiet, sie hat auch fatale Folgen für die (regionale) Kultur- und Kreativwirtschaft und für das Image Mitteldeutschlands bei entsprechenden Kandidaten.
Nehmen wir die regionale Musikwirtschaft: Fast von einem Tag auf den anderen wurde bei SPUTNIK die musikalische Vielfalt in der Hauptsendezeit drastisch zusammengestaucht. Bekannte Titel wiederholen sich plötzlich permanent, während neue Titel und so genannte Independentkünstler im Gegensatz zu früher kaum noch eine Rolle spielen.
Je mehr sich aber die Musikauswahl nach den Ergebnissen von Umfragen richtet, desto logischer ist es, dass nur Musik der Global-Player im Musikbusiness mit entsprechendem Marketingbudget gespielt wird. Denn wie soll ich mir in einer Umfrage Musik wünschen, die ich vorher noch nie (z.B. in TV- oder Radio- Sendungen) gehört habe?
Es ist vielen nicht bewusst, aber es gilt die Faustregel, dass für eine Minute Sendezeit im öffentlichen Rundfunk ca. fünf Euro über die GEMA an die Urheber (Musikverlag, Komponist, Texter) und ausführenden Künstler (Labels, Produzenten, Musiker) ausgeschüttet werden.
Somit unterstützt die neue Ausrichtung bei SPUTNIK finanziell nur noch die Global Player, die ihre Interpreten durch Fernsehauftritte, Printanzeigen und Promotiontourneen bekannt machen können. Für engagierte, talentierte und vor allem regionale Akteure der Musikwirtschaft war SPUTNIK eine der letzten Möglichkeiten, bekannt zu werden und Einnahmen zu erzielen. Beides ist im Internet noch lange nicht auf gleichem Niveau möglich!
Eine Quotenkuh reicht! Zwei sind unverantwortlich!
Mit dem Format JUMP leistet sich der MDR bereits einen Sender, der sich ganz offenbar nicht nach Inhalten oder Werten sondern allein nach Reichweite und Quoten ausrichtet. Die bekannte und weitläufig akzeptierte Begründung dafür ist, dass der MDR die Werbeerlöse von JUMP nutzt, um die Arbeit der Anstalt im Bereich der Kultur (Figaro), der Information (MDR Info), des Lokalfunks (MDR Sachsen) und der Jugend (SPUTNIK) zu finanzieren.
Mit welchen Argumenten will (und vor allem darf) der MDR sich jedoch zwei Sender leisten, die in der Hauptsendezeit stetig rotierende Popmusik liefern und deren Informationsgehalt sich nicht von privaten Anbietern unterscheiden?
Das ist unverantwortlich! Unverantwortlich gegenüber den privaten Stationen sowie den aufgeschlossenen, lernwilligen und neugierigen Jugendlichen und unverantwortlich gegenüber der (mittel)deutschen Kreativ- und Kulturwirtschaft.
Für welche Werte steht der MDR?
Was sind die Werte, die man mit dem MDR verbinden soll? Einheitsbrei und Niveaulosigkeit? Kulturelle Armut und Ignoranz gegenüber dem Bildungsauftrag? Innovationslosigkeit?
MDR SPUTNIK stand für das Setzen von Trends, für Innovation, das Entdecken neuer Musik und engagiertes Auftreten gegen Rechtsextremismus. MDR SPUTNIK hat dadurch deutschlandweit bei jungen Menschen einen sehr guten Ruf und könnte als Imageträger bei Ausweitung auf UKW-Frequenzen in Thüringen und Sachsen, wo sich im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt mehr Kreativzentren befinden, ein wirklich entscheidendes Argument dafür liefern, hier zu studieren oder zu arbeiten. Aber welchen Anreiz schafft ein Sender, der sich nicht von anderen unterscheidet?
Bitte denken Sie darüber nach, wenn Sie Ende September die neuen Direktoren des MDR wählen! Entscheiden Sie so, dass Sie auf die Inhalte der Sender stolz sind und nicht auf deren Reichweite bzw. denken Sie an die Reichweite, die durch diese Programmänderung endgültig verbaut wird; Denn mit diesem Einheitsprogramm wird eine Ausstrahlung via UKW in Sachsen und Thüringen endgültig zunichte gemacht!